Geschich­te anders erzäh­len

Auftaktveranstaltung des EVZ-Programms digital // memory im Palazzo vom iRights.Lab

Bei der Auftaktveranstaltung des von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) initiierten Förderprogramms digital // memory wurde zum einen darüber diskutiert, wie neue digitale Werkzeuge zu einer Erinnerungskultur 4.0 beitragen können und zum anderen, wie man Hate Speech und Antisemitismus im Netz begegnen kann. Das iRights.Lab erarbeitet ein Begleitprogramm für digital // memory und führt dieses als Partner der EVZ durch. Die Veranstaltung mit dem Titel „Let’s make history! Tackling Hate Speech and Anti-Semitism in the Digital Age“ nahm einige der Kernthemen von digital // memory in den Blick, denn hier steht die Entwicklung neuer digitaler Formate für die historisch-politische Bildung im Mittelpunkt.

Begrüßt wur­den die Gäste im Ver­an­stal­tungs­saal iRightsLab.Palazzo von dem Vor­stands­vor­sit­zen­den der Stif­tung EVZ, Dr. Andre­as Eber­hardt, sowie von Dr. Wieb­ke Gläs­ser, Head of Ope­ra­ti­ons beim iRights.Lab. Lili­an Emonds vom iRights.Lab führ­te anschlie­ßend als Mode­ra­to­rin durch das Haupt­pro­gramm. Dabei wur­den zunächst die vier Pro­jek­te aus Deutsch­land und die bei­den Pro­jek­te aus Polen vor­ge­stellt, die durch das Pro­gramm geför­dert wer­den. Emonds bat dazu die anwe­sen­den Vertreter*innen der Pro­jek­te auf die Bühne, die dann die Gele­gen­heit erhiel­ten, ihre jewei­li­gen digi­ta­len For­ma­te vor­zu­stel­len, an denen sie der­zeit arbei­ten. Außer­dem dis­ku­tier­ten sie über spe­zi­fi­sche Her­aus­for­de­run­gen an die his­to­risch-poli­ti­sche Bil­dung in Deutsch­land und Polen sowie über die Chan­cen, die sie in der Anwen­dung digi­ta­ler Tools für eine Erin­ne­rungs­land­schaft sehen, die im Kon­text der Digi­ta­li­sie­rung zuneh­mend in Bewe­gung gera­ten ist.

Sebas­ti­an Trö­ger (Muse­en der Stadt Nürnberg/​Dokumentationszentrum Reichs­par­tei­tags­ge­län­de) stell­te das Serious Game „Behind the Sce­nes: Nürn­berg ‘34“ vor, an dem er gemein­sam mit Projektpartner*innen arbei­tet und mit des­sen Hilfe sich die Nutzer*innen mit dem Reichs­par­tei­tag der NSDAP von 1934 aus­ein­an­der­set­zen sol­len. Ziel ist es dabei, NS-Pro­pa­gan­da als Kon­struk­ti­on zu hin­ter­fra­gen und kri­tisch zu reflek­tie­ren. Ali­c­ja Wan­cerz-Gluza (KARTA-Zen­trum, War­schau) zeig­te auf, wie sie und ihr Pro­jekt­team einen inter­ak­ti­ven Film über die pol­nisch-jüdi­schen Bezie­hun­gen im Ort Mordy seit 1918 ent­wi­ckeln wer­den. Über die Aus­ein­an­der­set­zung mit his­to­ri­schen Ereig­nis­sen und Per­so­nen, so die Erwar­tung, kön­nen pol­nisch-jüdi­sche Bezie­hun­gen in der Gegen­wart gestärkt wer­den. Mona Brandt (Stif­tung Digi­ta­le Spiele­kul­tur gGmbH, Ber­lin) und ihre Kolleg*innen beschäf­ti­gen sich mit der Frage, wie Com­pu­ter­spie­le ganz grund­sätz­lich zu einer Erin­ne­rungs­kul­tur 4.0 bei­tra­gen kön­nen. Zu die­sem Zweck ist im Rah­men die­ses Pro­jek­tes die Durch­füh­rung eines Pitch Jams geplant, für die Akteur*innen der his­to­risch-poli­ti­schen Bil­dung mit neuen digi­ta­len Partner*innen zusam­men­ge­bracht wer­den sol­len. Małgorza­ta Leszko (Cen­trum Edu­ka­c­ji Oby­wa­tel­skiej, War­schau) und ihr Pro­jekt­team arbei­ten eng mit Schu­len in Polen zusam­men, um mul­ti­me­dia­le Repor­ta­gen zu erstel­len. Über die Aus­ein­an­der­set­zung mit ihrer eige­nen, loka­len Geschich­te sol­len sich Schüler*innen kri­tisch mit aktu­el­len For­men grup­pen­be­zo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit beschäf­ti­gen. Céli­ne Wen­del­gaß (Bil­dungs­stät­te Anne Frank, Frank­furt a.M.) stell­te den Anwe­sen­den das Pro­jekt „The Game’s Not Over“ vor, ein Serious Game, das die Bil­dungs­stät­te gemein­sam mit ihren Kooperationspartner*innen ent­wi­ckelt. Hier sol­len vor allem Jugend­li­che und päd­ago­gi­sche Fach­kräf­te im Umgang mit Radi­ka­li­sie­rung, Anti­se­mi­tis­mus und Ver­schwö­rungs­theo­ri­en in den sozia­len Medi­en befä­higt wer­den. Björn Klein (Päd­ago­gi­sche Hoch­schu­le FHNW, Muttenz/​Schweiz) schließ­lich erläu­ter­te, wie er und sein Team an der Kon­zep­ti­on von ODRA (Ord­nen, Deu­ten, Rich­tig­stel­len, Annä­hern) arbei­ten, einer Soci­al Media Rapid Reac­tion Unit, die gefälsch­te Nach­rich­ten mit­hil­fe von Craw­lern her­aus­fil­tern soll, um wis­sen­schafts­ba­siert auf Fake News reagie­ren zu kön­nen.

Wie der Ein­satz inno­va­ti­ver Tools zur Stär­kung der Demo­kra­tie bei­tra­gen, Geschich­te digi­tal gelehrt oder das Ziel­pu­bli­kum aktiv mit­ein­be­zo­gen wer­den kann, dis­ku­tier­ten anschlie­ßend die Expert*innen Prof. Dr. Mag­da­le­na Wali­gór­s­ka (Uni­ver­si­tät Bre­men, Insti­tut für Geschichts­wis­sen­schaft), Stef­fen Jost (Gedenk­stät­te Dach­au) und Johan­nes Bald­auf (Poli­cy Pro­grams Mana­ger, Face­book). Das digi­ta­le Zeit­al­ter, so Bald­auf zu Beginn der Panel­dis­kus­si­on, biete die Gele­gen­heit, sich direkt an Ziel­grup­pen zu wen­den, die ana­log bis­her nur schwer fass­bar waren. Auf der ande­ren Seite sei eine Grund­satz­dis­kus­si­on dar­über not­wen­dig, wen man mit sei­nem Bil­dungs­an­ge­bot errei­chen möch­te: die­je­ni­gen, die selbst Hate Speech ver­brei­ten oder die­je­ni­gen, die davon betrof­fen sind. Davon hänge schließ­lich ab, in wel­che Rich­tung För­der­gel­der und sons­ti­ge Res­sour­cen gelenkt wer­den. In der prak­ti­schen Anwen­dung neuer digi­ta­ler For­ma­te, so ergab die sich anschlie­ßen­de Debat­te, ist eben­falls noch viel Grund­la­gen­ar­beit not­wen­dig: So ver­wies Wali­gór­s­ka dar­auf, dass Historiker*innen noch immer abwar­tend mit digi­ta­len For­ma­ten umgin­gen und es dar­über hin­aus große Unter­schie­de in der Erin­ne­rungs­kul­tur zwi­schen ein­zel­nen Län­dern wie zum Bei­spiel Polen und Deutsch­land gebe, die zu berück­sich­ti­gen seien. Jost hin­ge­gen plä­dier­te für einen grö­ße­ren Mut etwa im Umgang mit sozia­len Medi­en in Gedenk­stät­ten. So seien nicht nur die Gedenk­stät­ten selbst gefragt, neue digi­ta­le For­ma­te anzu­bie­ten, son­dern Besucher*innen soll­ten damit expe­ri­men­tie­ren kön­nen, ihre ganz indi­vi­du­el­len Erfah­run­gen beim Besuch der Gedenk­stät­te medi­al zu ver­ar­bei­ten und ent­spre­chend online zu pos­ten.

Über ein web­ba­sier­tes Live-Feed­back-Sys­tem betei­lig­te sich das anwe­sen­de Publi­kum direkt an den Dis­kus­sio­nen und stell­te Fra­gen an die Pro­jekt­teams und die Panelteilnehmer*innen. Wäh­rend eines Work­shops am dar­auf­fol­gen­den Tag nah­men die Vertreter*innen der ein­zel­nen Pro­jek­te die Dis­kus­si­ons­punk­te der Auf­takt­ver­an­stal­tung wie­der auf und erhiel­ten die Gele­gen­heit, mit­hil­fe ver­tie­fen­der Gesprä­che Netz­wer­ke unter­ein­an­der zu knüp­fen und gemein­sa­me The­men und Her­aus­for­de­run­gen für die anste­hen­de Umset­zung der Pro­jek­te zu iden­ti­fi­zie­ren. 

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zu digi­tal // memo­ry gibt es hier

Eine Foto­ga­le­rie der Ver­an­stal­tung fin­den Sie hier.

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