04.11.15 Rückblick: Veranstaltung zu den Chancen und Risiken von Gesundheitstracking am 30. September 2015 in Berlin

Die sechste öffentliche Veranstaltung im Projekt "Braucht Deutschland einen Digitalen Kodex?" war dem Thema Big Data im Gesundheitswesen gewidmet. Unter dem Titel "Treuer Assistent oder Trojaner am Körper? – Wie Gesundheitstracking unseren Alltag verändert" diskutierten Experten aus Wirtschaft, Politik, Medizin und Wissenschaft im Berliner Meistersaal miteinander. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf dem Thema Tracking mit Wearables und den damit verbundenen gesellschaftlichen Chancen und Risiken.

Oliver Schenk, Abteilungsleiter G "Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik, Telematik" des Bundesministeriums für Gesundheit, wies in seinem Grußwort auf das große Potential einer stärkeren Vernetzung der Gesundheitsdaten hin. Ein erhöhter Informationsaustausch würde die Behandlungsmethoden verbessern. Eine umfassende Digitalisierung im Bereich Gesundheit sei daher auch ein wichtiges politisches Ziel. Die Probleme, die durch die Vernetzung zum Beispiel im Bereich des Datenschutzes entstünden, müssten im Dialog mit allen Interessensgruppen gelöst werden. Hier nannte Schenk das E-Health-Gesetz, das die nötigen Voraussetzungen für eine sichere digitale Kommunikation im Gesundheitswesen schaffe.

Oliver Schenk

Grußwort: Oliver Schenk, Abteilungsleiter G "Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik, Telematik" des Bundesministeriums für Gesundheit

Telematik und e-Tampon – Beiträge aus Politik, Ärzteschaft und Wirtschaft

Matthias Kammer, Direktor, Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im In

Begrüßung und Einführung: Matthias Kammer, Direktor, Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet

Dr. Franz Bartmann stellte in seiner Keynote heraus, dass die Nutzung von Gesundheitsdaten in vielen Bereichen der Medizin große Vorteile hervorbringen könnte. So wäre es möglich, über bestimmte Datenzusammenhänge neue Erkenntnisse über die Entstehung von Krankheiten zu ermitteln und zudem die individuelle Behandlung von Patienten zu verbessern. Der Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzende des Ausschusses "Telematik" der Bundesärztekammer kritisierte die allgemeine Skepsis und Unsicherheit vieler Ärzte gegenüber der Vernetzung von Gesundheitsdaten. Das größte Risiko bestehe darin, dass die Chancen von Big Data nicht wahrgenommen würden. Dr. Bartmann wies allerdings auch darauf hin, dass die Nutzung von Big Data in der Medizin die Gesellschaft vor ethische Herausforderungen stellen würde. So könnten durch bestimmte Muster in Big Data-Analysen Wahrscheinlichkeitsaussagen getroffen werden, die für ausgewählte Gruppen Krankheiten vorhersagen. Diese würden eventuell zwar gar nicht auftreten, die Vorhersagen hätten aber dennoch negativen Einfluss auf diesen Personenkreis – etwa durch Ängste oder Verhaltensänderung. Hier sei ein gesellschaftlicher Dialog über die Grenzen der Big Data-Analysen, Korrelationsaussagen und Prognosen notwendig.

Franz Bartmann

Keynote "Big Data in der medizinischen Praxis – Die Zukunft hat bereits begonnen": Dr. Franz Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzender des Ausschusses „Telematik“ der Bundesärztekammer

Ein Ring, der beim Eingang von E-Mails am Finger vibriert, ein Babybody mit Sensor, der vor dem plötzlichen Kindstod warnt, ein Wearable als Verhütungsmethode – in seiner Keynote stellte Stephan Noller die neuesten Geräte vor. Der Gründer und Geschäftsführer der ubirch GmbH betonte neben dem praktischen Nutzen der Wearables vor allem auch gesellschaftliche Risiken. So entstünden zum einen dann Probleme, wenn die Anbieter nicht sensibel mit den Daten umgingen und diese an Dritte weitergeben würden. Zum anderen bestehe die Gefahr, dass wichtige Grundsätze wie etwa die Datensparsamkeit zum Beispiel bei Krankenkassen unterlaufen würden. Eine Benachteiligung in Versicherungstarifen auf der Grundlage von Gesundheitsdaten käme einer Endsolidarisierung der Gesellschaft gleich. Daher sei eine umfassende Diskussion über die Regeln und Werte, die im Zuge der Digitalisierung erhalten bleiben sollten, besonders wichtig, so der Unternehmer.

Stephan Noller

Keynote "Tracking mit Wearables: Die (all)täglichen Datensammler": Stephan Noller, Gründer und Geschäftsführer der ubirch GmbH

Medizinischer Sicherheitsgewinn oder gesellschaftliches Gerechtigkeitsproblem?

Podiumsdiskussion "Gläserner Patient oder Revolution in der Gesundheitsvorsorge?

Podiumsdiskussion "Gläserner Patient oder Revolution in der Gesundheitsvorsorge?": Dr. Franz Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzender des Ausschusses „Telematik“ der Bundesärztekammer; Prof. Dr. Dagmar Borchers, Professorin für Angewandte Philosophie an der Universität Bremen; Peter Schaar, Vorstand der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID); Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin Initiative D21 e.V.; Burkhard Dümler, Director Development Digital Sports adidas group; Kai Burmeister, Teamleiter Versorgung-Verträge AOK Nordost (v.l.n.r.)

Die anschließende Podiumsdiskussion zeigte konträre Meinungen zum Thema Wearables. Burkhard Dümler, Director Development Digital Sports der adidas group, stellte eine erhöhte Nachfrage nach Selbstvermessung und Wearables fest. Den Kunden sei es nicht nur wichtig, ihre sportliche Leistung zu kontrollieren. Besonders gefragt seien Wearables, die den gesamten Alltag umfassend messbar machten. Prof. Dr. Dagmar Borchers, Professorin für Angewandte Philosophie an der Universität Bremen, kritisierte diese Entwicklung und hob hervor, dass die ständige Selbstvermessung die bereits bestehende Leistungsgesellschaft noch weiter verstärken würde. Dem setzte Dr. Bartmann entgegen, dass das Self-Tracking die Selbstverantwortung und Souveränität des Einzelnen fördern würde und bei Risikopatienten einen Sicherheitsgewinn bewirken könne. Kai Burmeister, Teamleiter Versorgung-Verträge AOK Nordost, betonte, dass die  Nutzung von Wearables darüber hinaus einen gesundheitspräventiven Charakter hätte. Dies sei auch der Grund, warum Krankenkassen zunehmend selbst Gesundheitsapps anbieten und fördern würden. Peter Schaar, Vorstand der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID), kritisierte, dass gar nicht erwiesen sei, ob Self-Tracking überhaupt gesünder machen würde. Darüber hinaus erhielten die Anbieter mancher Wearables schon beim Verkauf einen Freifahrtschein für die Nutzung und Weitergabe der Daten ihrer Käufer. Schaars Forderung nach mehr Datensicherheit in diesem Zusammenhang stimmten die anderen Diskutanten zu.

Philipp Otto

Begrüßung: Philipp Otto, Projektleiter „Braucht Deutschland einen Digitalen Kodex?“, Gründer iRights.Lab 

Die Veranstaltung hat insgesamt gezeigt, dass die Digitalisierung im Bereich Gesundheit große Potentiale bietet. So herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass Big Data in der Medizin große wissenschaftliche Fortschritte, aber auch eine bessere Versorgung des einzelnen Patienten und ein effektiveres Gesundheitssystem hervorbringen könnte. Die private Nutzung von Wearables und Trackingmethoden wurde unterschiedlich bewertet. Die von Noller und Borchers aufgeworfene Befürchtung, dass der Einsatz von Big Data im Gesundheitsbereich langfristig auch zu einem Gerechtigkeitsproblem führen könnte und daher eine grundsätzliche gesellschaftliche Debatte notwendig sei, fand auch die Zustimmung der anderen Diskutanten.

 

Fotos: Tom Maelsa

 

Auf der Webseite des DIVSI finden Sie eine Zusammenfassung, Aufzeichnungen der Beiträge sowie kurze Interviews mit den Sprechern der Veranstaltung.

Einen Bericht zur Veranstaltung finden Sie bei heise online und bei der Ärzte Zeitung online. Einige Sprecher der Veranstaltung kommen in einem Beitrag auf tagesschau.de zu Wort.

Das iRights.Lab realisiert das Projekt "Braucht Deutschland einen Digitalen Kodex?" im Auftrag des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI). Nachdem im ersten Projektteil die grundsätzliche Frage erörtert wurde, ob ein Digitaler Kodex fehlende soziale Normen im Internet etablieren kann, steht nun eine Konkretisierung anhand des Themenbereichs "Big Data" im Mittelpunkt.

Weitere Informationen zum Projekt: www.divsi.de/projekte/digitaler-kodex

Informationen zum Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI): www.divsi.de/ueber-uns